Feldpost aus Afghanistan

Feldpost – Deutsche Soldaten schreiben aus Afghanistan
Es gibt wieder Feldpost aus einem Krieg mit deutscher Beteiligung. Seit zehn Jahren kämpfen deutsche Soldaten in Afghanistan einen zermürbenden Kampf. Was 2001 als Friedensmission begann, wird mittlerweile auch offiziell als Krieg bezeichnet. Im Januar 2011 rätselte man über 40 geöffnete Feldpostbriefe von dort. Jetzt ist das Buch „Feldpost. Briefe Deutscher Soldaten aus Afghanistan“ erschienen.
„Geliebter Schatz, wie schon am Telefon gesagt ist hier alles Hundertmal schlimmer als es mir in meinen kühnsten Träumen erschien“, schreibt Oberstleutnant Bertram Hacker in einem Feldpostbrief aus Afghanistan an seine Frau. „Wenn Albanien schon schlimm war, was Armut betrifft, Bosnien was Zerstörung betrifft, so kann das hier alles mühelos getoppt werden. Es ist schlimmer als in allen Fernsehbildern, dies hier live zu erleben.“ Der Oberstleutnant außer Dienst ist seit 2006 zurück von der „Front“. Er hat seiner Frau regelmäßig aus Afghanistan Feldpost geschrieben. Dreimal war er dort: 2002 in Kabul, 2003 in Kundus, kurz vor seiner Pensionierung 2006 im umkämpften Gebiet von Mazar-I-Sharif.

Die Feldpost sorgt bei der Bundeswehrführung für Nervosität. Noch immer hängt der Vorwurf im Raum, dass Briefe aus Afghanistan geöffnet wurden. Eine interne Überprüfung habe inzwischen ergeben, dass es keine systematische Öffnung gab, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Im Gegenteil: Man wolle den „Einsatz in die Wohnzimmer bringen“. Doch während der Recherchen der „SZ“-Autoren wies die Bundeswehrführung Dienststellen per E-Mail an, dass diese Journalisten „einen möglichst realistischen Alltag des deutschen Kontingents geben wollten“ und man dies nicht unterstütze. Doch wäre nicht gerade das im Sinne der Bundeswehr?
„Wir hatten anfangs Bedenken, dass in den Bildern, die die Soldaten in ihren Briefen zeichnen, nicht das Einsatzgeschehen im Vordergrund steht, sondern das Einzelne, Persönliche, was die Soldaten schreiben – ob es Rechtschreibfehler sind oder sonstige Kraftausdrücke, die dort verwendet werden, dass es für die Soldaten negativ ausfallen könnte“, sagt der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Oberstleutnant Thomas Overhage. „Was soll Schlimmes herauskommen für das Ministerium, wenn Soldaten von ihren Gefühlen schreiben“, fragt sich Betram Hacker. „Die meisten Briefe sind keine sachlichen Abhandlungen über Abläufe, sondern Kommentare zu Abläufen, beziehungsweise Äußerungen des Gefühls, Äußerungen des eigenen Erlebens, was immer subjektiv ist.“
„Das Unerwartete ist geschehen“
Auch der 63-jährige Obertsleutnant a.D. hat seine Feldpost den Autoren des Buchs übergeben. Da er seit 2006 in Rente ist, hatte er keine Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen. Zu Beginn der Mission war er noch wie viele andere vom deutschen Einsatz in Afghanistan überzeugt. „Heute denke ich komplett anders darüber“, so Hacker. „Heute denke ich, wir waren jetzt zehn Jahre drin, wir haben nicht wirklich zur Verbesserung beigetragen. Dann erhebt sich die Frage: Was sollen wir dann dort?“ „Der Tod. Das Unerwartete ist geschehen, bisher ging doch immer alles gut“, so schreibt ein Oberstabsarzt 2009 nach Hause. Statt den Kriegseinsatz zu verklären, machen die Briefe der 25 Soldaten die Entwicklung von einem harmlosen Friedenseinsatz bis hin zu einem Kriegseinsatz mit tödlichen Folgen deutlich. „Diesmal werde ich so normal wie möglich sein bei meiner Rückkehr“, schreibt Bertram Hacker in einem der Briefe an seine Frau.
„Nach einem Einsatz saß ich in meinem Wohnzimmer“, erinnert sich Hacker. „Ich kann hinüberschauen in die Küche, dort läuft die Geschirrspülmaschine. Ich habe hier gesessen und ernsthaft überlegt, obwohl ich alleine im Haus war, ob es mir jetzt erlaubt ist, diese Geschirrspülmaschine auszuräumen oder ob ich damit den Ablauf in dieser Familie störe. Das meinte ich damit, dass ich wieder normal werden wollte. Das ist mir nicht gelungen.“ Keine Helden, kein Pathos, keine Romantik – die Feldpostbriefe beschreiben Banalität und Schrecken an der Front. Sie liefern eine erschreckende Bestandsaufnahme des Afghanistan-Einsatzes: Während der Krieg für uns noch immer weit entfernt scheint, hat er sich in den Wohnzimmern der Heimkehrer dauerhaft eingenistet.
http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/152454/index.html

informative links zum thema

http://www.derwesten.de/kultur/literatur/Eindringliche-Post-von-der-Front-in-Afghanistan-id4259747.html

https://mantovan9.wordpress.com/2011/01/19/achtung-soldaten-eure-post-wird-kontrolliert/

„Ich frage mich tatsächlich, ob ich dieses Abenteuer wirklich brauchte. Aber vielleicht zeigt es mir auch mein wirkliches Zuhause. Ich kann jetzt nicht emotional werden, sonst heule ich, das kann ich mir vor meinen Mitbewohnern nicht leisten.“

Oberstleutnant Bertram Hacker, 62, Kabul 2002

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Internationales

Eine Antwort zu “Feldpost aus Afghanistan

  1. Danke für den Beitrag und den Buchtipp. Es wird Zeit das die Politiker und ihre Propagandaschleudern endlich dem Willen des Volkes akzeptieren. Und diesen unsäglich verlogenen Krieg beenden.

    Wladimir

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