HARTZ-IV! Jenseits der leeren Räume

Unsanierte Platte in Löbau-Ost. Die Strassen sind nach Haydn und Mozart benannt. Mittendrin Frau Wendler von der Wohnungsbaugesellschaft. Eine resolute Frau mit Überblick. „Da habe ich zwei Wohnungen, da rechts noch eine und weiter links sind es drei Wohnungen. Was sie beschreibt, sind Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern, die auf sonderbare Art und Weise verkleinert wurden. So lebt Familie Ritter in einer Drei-Raumwohnung, benutzt aber nur zwei Zimmer. Freiwillig sogar. Herr Volokov hat immerhin zwei Zimmer gemietet, wohnt aber in einer Vier-Raumwohnung. Adrian-Basil Mueller hat sich in Löbau umgesehen und das Rätsel um die leeren Zimmer gelöst.

quelle geigin2oo1

White Box Kino-Trailer

Jenseits der leeren Räume

 

Wer Hartz IV bezieht, muss mit wenig zurechtkommen. Im sächsischen Löbau werden Wohnungen, die eine zulässige Maximalgröße überschreiten, künstlich verkleinert. Eine sehr gelungene Doku begibt sich auf Spurensuche. In der Plattenbausiedlung der sächsischen Stadt Löbau gibt es etwa 100 verschlossene Zimmer, 8 bis 9 Quadratmeter groß. Sie gehören zu Wohnungen, in denen das Leben stärker pulsiert, als es den Bewohnern mitunter lieb sein wird. Die Mieter sind zum überwiegenden Teil Spätaussiedler aus Russland und auf „Hartz IV“ angewiesen. Wenn Vater Staat für die Miete aufkommen soll, darf die Wohnfläche eine bestimmte Größe nicht überschreiten. Damit größere Domizile nicht unbewohnt bleiben, entschied sich die Lokalpolitik für eine Maßnahme, die kurzzeitig für bundesweite Schlagzeilen sorgte. Man ließ in den betroffenen Wohnungen kurzerhand ein Zimmer zusperren und stutzte sie auf die zulässige Quadratmeterzahl. Und so schlafen hier Eltern und Teenager bar jeder Privatsphäre im selben Raum, während das Kinderzimmer nebenan verwaist.Die Leipziger Filmemacherin Susanne Schulz hat sich mit diesem absonderlichen Auswuchs deutschen Bürokratentums intensiv auseinandergesetzt. Ihre sehenswerte Dokumentation „White Box“ nähert sich der Thematik dabei nicht etwa auf der Basis trockener Fakten und gesellschaftspolitischer Analysen. Die Regisseurin betritt diese leeren Räume gleichsam durch die Hintertür, sie zeigt das Leben der betroffenen Menschen, kleidet es in poetische Bilder und macht es so fühlbar.

Als die im Film 15-jährige Julia nach Deutschland kam, erwartete sie Wolkenkratzer und einen Hauch von Hollywood. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Das süße Mädchen bringt selbst ein wenig Glamour in sein Leben. Julia fotografiert sich mit Freundinnen in Starposen, singt mit viel Talent Songs von Christina Aguilera und arbeitet gemeinsam mit anderen Jugendlichen an eigenen Nummern. Der Zuschauer darf an ihren Träumen ebenso teilhaben wie an ihrer Lebensrealität im Schatten verbotener Räume. Aber auch die alten Löbauer kommen zu Wort, sie erzählen von langjähriger Arbeitslosigkeit und vom Suchen und Finden neuer Lebensaufgaben. Was ihm denn Positives zum Thema Löbau einfalle, wird ein Einwohner gefragt. Der angesprochene Herr denkt lange nach, er windet sich spürbar und bleibt die gewünschte Auskunft (vorerst) schuldig. Auf Antworten ist diese Dokumentation auch nicht unbedingt aus. Sie will ein aktuelles Stück Deutschland emotional erkunden, sie umgibt die leeren Räume erfolgreich mit Leben. Chapeau!

mehr http://www.nordkurier.de/kino/index.php?id=3576

2 Kommentare

Eingeordnet unter AKTUELLES

2 Antworten zu “HARTZ-IV! Jenseits der leeren Räume

  1. Pingback: Hartz-IV-Empfänger zwangsumsiedeln? | mein name ist mensch

  2. mantovan9

    der etwas andere kommentar

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s