In der Schlange

Thomas Mahler: In der Schlange – Mein Jahr auf Hartz-IV

Seit ein, zwei Jahren hat erleben literarische, dokumentarische und andere Beiträge zu Hartz-IV eine vorher nicht gekannte Konjunktur. Sicherlich liegt das daran, dass die gesellschaftliche Debatte an Hitzigkeit zugenommen hat, man erinnere sich nur an die „spätrömische Dekadenz“ eines Westerwelle, an die Sarrazin’che Diät usw. und das sind nur Medienkampagnen in letzter Zeit.

Lteratur zu Hartz-IV scheint wie ein Widerspruch in sich selbst, wird doch das öffentliche Klischee der Erwerbslosen geprägt von schlechter Qualifikation, wenn nicht klassischem Unterschichtverhalten. Die liegen doch nur faul auf der Couch vor dem Fernseher und wissen nichts mit sich anzufangen. Und die fangen jetzt an, Bücher zu schreiben? Klar doch, alles Ausnahmen.

Eine diese Ausnahmen ist Thomas Mahler, Absolvent von Philosophie und Literatur, brotloser Wissenschaften mithin, die nicht zum Beruf führen, vielleicht in die Promotion, aber höchstwahrscheinlich ins Taxi oder in die Kneipe. Hier allerdings nicht vor, sondern hinter dem Tresen. Die Karriere von Thomas beginnt somit beispielhaft und mustermanngültig.

Der Weg zum Jobcenter ist lang und steinig und liegt schwer auf der Seele. Auf der einen Seite die Selbstrechtfertigung als nunmehr amtlich bestätigter Looser mitsamt Selbstzweifeln und Scheißgefühlen. Derweil ergehen sich die ehemaligen Freunde und Kollegen in der Kneipe im Selbstbetrug geschäftiger Aktivität, planen irgendwelche „Projekten“ und schmieden an komischen Karriereplänen. Es fehlt auch nicht an der Verwandtschaft, die den fehlgetretenen Philosophen wieder in die Bahnen (klein)bürgerlicher Normalität ratschlagen wollen.

Thomas Mahler führt das lang und breit aus, auf vielen langen Seiten. Ich selbst kenne das so gut wie das Innere meiner Hosentasche. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich gelangweilt fühlte und das Buch schon weglegen wollte. Zumal seine „Fallmanagerin“ im Jobcenter richtig nett zu ihm. Sein Erstantrag wird anstandslos angenommen, Post geht nicht verloren, er kriegt keine Sperren, muß nicht umziehen und sein ALG wird sogar allem Anschein nach richtig, d.h. nach dem Gesetz berechnet. Von einem derartigen Luxus können nicht viele zu berichten.

Ich wollte das Buch schon weglegen, das war auf fast halber Strecke, als der Erfahrungsbericht die Wende fand. Das Jobcenter steckte den Ich-Erzähler nämlich in eine der zahlreichen Maßnahmen. Er bekam „Bewerbungstraining“ und einen Ein-Euro-Job. Daneben eingestreute Erfahrung als Honorarschreiber für eine Coachingfirma. Das alles liest sich dermassen absurd, alles am Rande des Irrsinns, wie es sich kein Mensch ausdenken kann. Für die Beschreibung dieser Realität man muss aber die richtige Sprache finden und das tut der Autor.

Klar: das Dasein als solches ist vergeblich und solches Dasein als Hartzer ist nur als Abstufung des Irrsinns im Inneren der Anstalt begreifbar. Als solches aber immerhin eine philosophische Lektion vom Feinsten. Die Erfahrung sagt aber, dass einem „da draussen“ einfach nicht geglaubt wird.

„Da draussen“ gibt es nicht, bei Thomas Mahler, es gibt nur verschiedene Stufen des Irrsinns, der allerdings noch um Stumpfsinn angereichert werden kann. Z.B. dann, wenn er eine lausig schlechte Tätigkeit beschreibt, in die er über eine Zeitarbeitsfirma „in den ersten Arbeitsmarkt integriert“ wird und aufstockend ALG erhält. Es soll erstrebenswert sein, sich in sowas integrieren zu lassen?

Zum Schluss kommt das Happy End. Mit Vertrag und Vorschuß für ein Buch erscheint er vor seiner „Fallmanagerin“ und meldet sich ab von dem was man Jobcenter nennt.

Für mich, der die Anfangsphase erfolgreich ausgestanden hat , war es mühsam, sich durch die ersten hundert Seiten zu kämpfen. Wie ich selbst haben auch andere für sich alleine den Weg finden müssen, wie man sich gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung emotional abgrenzen kann – d.h. sein Selbstwertgefühl nach einem Einbruch in der Anfangsphase selbst wieder instandzusetzen. Das beschreibt Thomas Mahler in diesen Passagen ausführlich und Leser, die das nicht kennen, werden hier Neues erfahren. Als sein eigener, persönlicher Anker darin erweist sich die literarische Herangehensweise, wie sich am Ende zeigt. Sehr gut getroffen sind die subtil-absurden Beschreibungen aus der Beschäftigungsindustrie, die sich in den Abschnitten über das Arbeitsleben ins derb-abstruse steigern.

Unbedingt zu empfehlen ist das Buch jenen, die einen nüchternen, relativ ungeschönten Blick auf die Realität der Erwerbslosigkeit gewinnen wollen. Relativ deshalb, weil die Beschreibung der wirklich ungeschönte Realität, das wissen die Erwerbslosen, so absurd ist, daß sie einem nicht geglaubt würde. Darauf hat der Autor erkennbar Rücksicht genommen.

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