Westliche Werte?

Dass Werte den Himmelsrichtungen folgen, ist eine relativ neue Erscheinung. Noch bis zum Ende des britischen Empire galten Werte in christlicher Missionstradition als universell – und damit selbstverständlich in allen vier Himmelsrichtungen gültig.
Doch ausgerechnet das britische Empire zerbrach am gewaltlosen Widerstand von Mahatma Gandhi, der nicht westlichen, sondern östlichen Wertsystemen folgte. Das von ihm verfolgte Satyagraha-Konzept[1], das in einem Beharren auf Wahrheit bestand, ging davon aus, dass auf die Dauer Vernunft über Gewalt siegt. Die Gewaltlosigkeit, so die gerne als naiv verspottete Hoffnung, werde letztlich das Gewissen des Unterdrückers derart ansprichen, dass dieser seiner Gewalt entsagt. In Indien funktionierte das. Mit Satyagraha konnte übrigens auch Nelson Mandela in Südafrika die Apartheid stürzen.
Wenn Gewaltlosigkeit in Hinduismus, Brahmanismus, Buddhismus und Taoismus ein zentraler östlicher Wert ist, dann stellt sich die Frage, was eigentlich westliche Werte sind.
Focus-Redakteur Frank Thewes schrieb[2] am 4. Mai über die wohl als Mord zu bezeichnende Tötung von Osama bin Laden mutig: „Doch der freie Westen darf nicht mit Killerkommandos seine Werte verspielen.“
Der freie Westen — das waren die Siegermächte des II. Weltkriegs, die zuerst die deutsche und die japanische Militärdiktatur besiegten und sich danach gegen die Unfreiheit in den als totalitär geltenden Ostblockstaaten wandten. Im Kalten Krieg erst wurden westliche Werte als inhaltlicher Gegensatz zu aus damaliger Sicht östlichen, nämlich realsozialistischen Werten, in Stellung gebracht. Sie warteten hinter dem Eisernen Vorhang geduldig auf die Erosion der östlichen Machtapparate.
Mit den Westmächten kamen 1945 als spürbare Inhalte westlicher Werte Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungs- und Pressefreiheit sowie Menschenrechte in ein Land, das nur 14 Jahre zwischen dem Ende des Kaisertums und der nationalsozialistischen Diktatur seine Selbstbestimmung erproben konnte. Seitdem bemühen sich die Deutschen redlich, als Mitglieder einer westlichen Wertegemeinschaft zu gelten. Doch durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks steht spätestens seit 1990 der westlichen Wertegemeinschaft keine östliche mehr gegenüber. Ohne eine östliche, südliche oder nördliche Wertegemeinschaft aber kann sich die westliche nicht mehr selbst definieren. Sie fällt in sich als Worthülse zusammen.

Leider unterwerfen sich die USA und Israel aber selbst keiner internationalen Gerichtsbarkeit und fühlen sich berufen, jenseits aller existierenden Rechtsnormen zu agieren. Das macht es natürlich für die zivileren Teile der westlichen Welt schwer, anderen Staaten Vorschriften über Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zu machen. Russland und China haben deshalb längst auf taub geschaltet, wenn aus dem Westen Mahnungen zur Rechtsstaatlichkeit kommen. In Israel werden Menschenrechtsaktivisten wie die amerikanische Studentin Rachel Corrie[3] oder türkische Aktivisten der Gaza-Flotte einfach umgebracht. Wenn China einen Menschenrechtsaktivisten wie Weiwei einsperrt, protestiert die freie, westliche Welt.
Dieser doppelte Maßstab wirft die Frage auf, ob und wenn ja welche Staaten überhaupt noch der einstmaligen westlichen Wertegemeinschaft angehören.
Es könnte sein, dass man dann nicht mehr von westlichen, sondern besser von nördlichen Werten sprechen sollte. Denn nur in den nördlichen Staaten werden die einstmals westlichen Werte nicht nur in Sonntagsreden beschworen, sondern im Zusammenleben gepflegt. So haben die skandinavischen Staaten erheblich mehr Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak aufgenommen als die USA, die dort vorgeblich „enduring freedom“ verbreiteten. Sehr nördlich liegen auch die Staaten, die die Top Ten des aus Australien stammenden World Peace Index[4] anführen. Die USA finden sich darin auf Platz 85 — zwischen Angola und Mazedonien. England und Frankreich halten tapfer Platz 31 und 32. Israel liegt neben Pakistan auf dem sechstletzten Platz.
Noch immer glauben in Deutschland viele, wir befänden uns in einer Wertegemeinschaft mit den USA und Israel. Es ist zu hoffen, dass das nicht stimmt. Wir sind jetzt nämlich Teil der nördlichen Wertegemeinschaft. / Alexander Dill, 05.05.2011
Ganzer Artikel http://www.heise.de/tp/artikel/34/34683/1.html

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