Auf den Plätzen wird Geschichte geschrieben

Die Demonstrationen des 25. Mai 2011 auf den Plätzen der meisten griechischen Städten, vor allem die emblematische auf dem Syntagma Platz in Athen, wo zehnte von tausenden Menschen teilgenommen haben, haben die Möglichkeit, ein Ausgangspunkt einer großen Bewegung zur Sturz der herrschenden Politik zu werden.

Sie haben gezeigt, dass die Bedingungen der sozialen Verheerung, die die Regierung, IWF und EU durchzusetzen versuchen, dieses riesiges Experiment einer neoliberalen sozialen Mechanik, an wirklichen Widerstand stoßen, die Bedingungen einer sozialen Detonation bilden und die Prozesse einer Rekomposition des Volkes als kollektives Subjekt, als soziale Koalition, als Treffen und Vereinigen aller sozialen Klassen und Teilen, die heute im Fadenkreuz der herrschenden Politik sind, beschleunigen.

Ein ist klar: die Demonstrationen des 25. Mai haben ohne Plan angefangen. Aber keine große Bewegung hat in der Geschichte als Folge eines Plans angefangen. Wenn originelle Bewegungen sich ausbrechen, stützen sich auf objektiver Dynamik, stehen auf eine vorherige politische Aufklärungsarbeit, verwenden  die als Wirbelsäule wirkenden Menschen, die Erfahrung haben und politisiert sind, aber in der Regel der Anfang, der erste Ausbruch ist jenseits irgendeines Plans.

Aber die große Bewegungen, die große Aufständen haben auch nicht auf den ersten Schritten irgendein „Programm“ oder einen konkret formulierten Diskurs. Üblich ist, dass sie sich um ein allgemeines „Nein“ konzentrieren,  gegen alles, das so aussieht, als ob es die Bedürfnisse derjenigen, die in der Bewegung teilnehmen, verachtet. Sie konzentriert sich um das Motto „Jetzt reicht s“ oder um eine Anforderung „Alle müssen gehen!“, alle, die als schuldig daran betrachtet werden. Der Diskurs, die Anforderungen kommen während des Prozesses heraus. Die sind die Risiken  der politischen Tätigkeit, das, was aufs Spiel gesetzt wird, und nicht Ausgangspunkte. Aber, auf jeden Fall, beinhaltet der gestrige von tausenden von Menschen herauskommende Schrei die Spur, den Horizont einer Anforderung nach grundlegendem sozialem Wandel, für eine Gesellschaft und ein Land, die nicht ohne jegliche Gefecht den ausländischen Kredit gebenden und Investoren kapitulieren, wo die Arbeit gerecht belohnt  wird, wo das öffentliche Eigentum nicht ausverkauft wird, wo die Sozialrechte nicht durch Staatsstreich abgeschafft werden, wo die Menschen nicht in die Arbeitslosigkeit und ins Verzweifeln gezwungen werden. Dieser Schrei ist originell anti-systemisch, originell radikal.

Im Bezug zur Betonung des „Anti-Politischen“, das von mehreren als etwas fremde empfunden wurde: viele sind möglicherweise Opfer der langjährigen Verwirrung innerhalb der Linke zwischen  der sozialen Bewegung und der politischen Strömung gewesen. Lasst uns daran denken, dass für die große Mehrheit die Parteien mit dem politischen Betrug, die Manipulation der Wahlstimme, den Zynismus, die Durchsetzung von Maßnahmen, die gegen die Mehrheit gerichtet sind, zu identifizieren sind. Egal ob uns es gefällt oder nicht, der „anti-politische“ Moment ist eine notwendige Voraussetzung für eine originelle Politisierung der Bewegungen.

Und gewisser weise drücken die originelle Bewegungen immer soziale Koalitionen aus und machen die Herausforderung wichtig, welche soziale Dynamiken die Hegemonie erobern werden. Nur dürfen wir nicht versehen, dass wir in Gesellschaften leben, wo die Mehrheit der Menschen auf diesem oder dem anderen Weg ihre Arbeitskraft verkaufen um zu überleben, vor allem die Menschen die sich von den Maßnahmen unmittelbar und tödlich betroffen fühlen.
Dieser Besorgnisschrei, den wir hören, ist der Schrei des Lohn-arbeitenden, des Arbeitslosen, des jugendlichen, der nur Hindernisse und Sperren in seinem Versuch eine Arbeit zu finden sieht, des selbständigen. Egal ob sie von mehreren Klassen kommen oder nicht, die Menge der Menschen, die empört sind, prägt sich entscheidend von der Kräfte der Arbeit.

Die Linke hat nicht das recht, einer solchen Bewegung als Zuschauer oder noch schlimmer als Kampfrichter gegenüberzustehen. Wenn die Linke die ganze Zeit nach etwas gesucht hat, war dieses, dass genau diese Empörung nicht mehr stumm, unartikuliert und individuell bleiben sollte. Nun sieht die Linke vor ihren Augen die erste und entscheidende Schritte einer Transformation der Wut und Empörung zur kollektive Aktion.

Die Anforderung nach dem Kollektiven, der Information, der Interaktion innerhalb der kämpferischen Tätigkeit, das Bedürfnis nach gemeinsame Tätigkeiten und nach dem Gefühl, dass wir ein Teil eines Ganzen sind, der Wille nach Diskussion, im Kurzen alles, was ein Auftauchen des Kollektiven und eine „Demokratie des Kampfes“ ausdrückt, war in der Mobilisierung des 25. Mai mehr als klar zu sehen.

Aus diesem Grund gibt es keine Spielraum weder für Verlegenheit noch für snobistischen Kritik noch für Meinungen der Art „wir könnten es besser machen“. Der Tempus muss Präsenz sein, bei allem was wir sagen und was wir machen, weil jetzt gerade tatsächlich etwas passiert.

Die widersprüchliche aber existierende Massendynamik, die ausgedrückt wurde, die Bereitschaft für Kampf und Selbstorganisierung, die Selbstbestimmung der Zeit und des Raums sind die beste Ausgangspunkte sowohl für die Politisierung dieser Bewegung als auch damit sie eine sturzfähige Dynamik erreicht. Wir müssen also massiv teilnehmen. Wir müssen die direktdemokratische Funktion sichern.

Diese Demonstrationen müssen auf den Plätzen wurzeln und in den Stadtteilen blühen. Wir müssen auf die Demonstrationen die Gewerkschaften, die Studentenvereine, die sozialen Bewegungen, die Bewegungen des zivilen Ungehorsam bringen.

Wir können zur wesentlichen Politisierung dieser Bewegung helfen, wenn wir zur Vergrößerung der Flamme der Unruhe beitragen. Ohne große Worte,  mit einfachen und konkreten Schritten. Bestehend drauf, dass es Notwendig ist, dass der Volksaufstand organisiert, kämpferisch demokratisch, gestützt auf den schon bestehenden Bewegungen sein muss und es die Wut und Empörung die schwelle der Arbeitsorten herein überschritten muss, gegen des Delirium der Regierung und des Kapitals gegen die Arbeitnehmer.

Beitragend zum Artikulieren der Wut und Empörung: Weg mit der Regierung, der Troika und dem IWF. Einstellung der Schuldenzahlung. Schulden streichen. Bruch mit der EU und WWU. Diskutierend über die Notwendigkeit für grundlegendes Wandel, über die Nationalisierung der Banken und der strategischen Unternehmen und Betrieben, über radikale Umverteilung des Reichtums. Betonend im Endeffekt die Notwendigkeit der sozialen Umsturz nicht als eine enzephalische „Erklärung der Glaube“, sondern als den Faden der Sinn und Hoffnung dem Schrei „Es geht nicht weiter so“ gibt.

Egal ob wir es wollen oder nicht, die Frage, ob die Linke innerhalb solchen Bewegungen und Aufstände sich wie „der Fisch im Wasser“ fühlen und nicht wie der bunte Hund auffallen kann, wird auch der Zeiger sein, ob die Linke wirklich dem Aufruf der Zeit genügt. Dies passiert der Linke nicht so oft.

Panagiotis Sotiris lehrt Soziologie an der Ägäischen Universität und ist Mitglied des Koordinationsausschusses der ANTARSYA.

Der Text wurde im aristerovima (Linkes Podest) veröffentlicht.

von Panagiotis Sotiris (Übersetzung Nico)
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  3. Weitere Impressionen vom Syntagma Platz – Τäglich Athen

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