Mit Hartz IV – ausgegrenzt und abgestempelt

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Von Heidelinde Penndorf

Im Juni 2011 versorgten 884 Tafeln bundesweit 1,3 Millionen bedürftige Menschen mit Lebensmitteln. Ein Viertel der Betroffenen sind Kinder. Aber auch immer mehr Rentnerinnen und RentnerWachsende Altersarmutmit Grundsicherung und sogenannte Aufstocker sind auf die Lebensmittelausgabe der Tafeln angewiesen. Das beweist, das Armut ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist!

Mit Hartz- IV – ausgegrenzt und abgestempelt

Der Sozialmediziner Gerhard Trabert sagt, dass sich immer mehr Menschen vom Lohn ihrer Arbeit sowie von sozialen Transferleistungen nicht mehr ausreichend ernähren können (evangelischer Pressedienst Juni 2011).Auch der Soziologe Stefan Selke stellte fest, dass die Tafeln eine Symbiose mit der Politik eingegangen seien, indem sie sich für einen Ausgleich der Folgen des Sozialabbaus instrumentalisieren ließen. Tafeln machen Armut sichtbar und behandeln nur die Symptome. Sie tragen ungewollt zur Normalisierung von Armut und einer Stärkung der Politik bei, die sich der Armutsbekämpfung verweigert.

Selbst die Hinweise aus der Justiz finden keine Beachtung. So äußerte sich das Sozialgericht Bremen in einer Entscheidung vom 20. März 2009 – S 26 AS 528/09 ER: „Tafeln sind ein staatliche Hilfe ergänzendes Angebot; basierend auf dem Grundsatz ehrenamtlichen Engagements. Sie dienen nicht der Abwälzung staatlicher Verantwortung für die Sicherung des Existenzminimums.“

Auf Grund ihrer oft langen oder auch dauerhaften finanziellen Notlage entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis der Betroffenen zur Tafel. Wo es Tafeln gibt, gibt es Warteschlangen Betroffener. Man sieht es diesen Menschen an, dass es ihnen schwer fällt, sich mit dem Gang zur Tafel öffentlich als Transfersleistungsbezieher zu outen.

Es entsteht eine Nähe zum „Normalbürger“ die beschämt. Betroffene Menschen, die an der Tafel anstehen, halten oftmals den Blick gesenkt und nehmen keinen Blickkontakt mit anderen Passanten auf. Es könnten ja Nachbarn, Bekannte und Freunde darunter sein, die gar nicht wissen, dass sie auf diese Lebensmittelspenden angewiesen sind. Durch Blicke von Passanten werden Betroffene beschämt, ducken sich weg, sind plötzlich außen vor.

*Es ist für die Betroffenen wie ein öffentliches Eingeständnis – ausgegrenzt und abgestempelt!*

Die öffentliche Empörung der `Montagsdemos `_ gegen den Sozialabbau von 2004 und 2005 ist kaum noch spürbar. Viele Institutionen haben es bemerkenswert professionell geschafft diesen Protest, diesen Unmut zu kanalisieren – in Mitleid für Betroffene.

*Damit ist jeder soziale Widerstand im Keim erstickt.*

Hartz – IV Betroffene, `Rentner `_ mit Grundsicherung, Niedriglöhner, Minijobber und Leiharbeiter befinden sich oft in finanziellen Zwängen und Notlagen, die ihre Teilhabe am sozio-kulturellen und politischen Leben stark einschränken. Betroffene leiden unter Perspektivlosigkeit, fühlen sich abgestellt, abgedrängt, ausgegrenzt und nicht gebraucht. Sie sind oftmals abgekoppelt von der gesellschaftlichen Entwicklung und fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.

Nach langem `Hartz – IV `_ Bezug gibt es ihn kaum noch – den selbstbewussten Menschen. Er hat sich im Laufe der Zeit zu einem unterwürfigen Bittsteller entwickelt. Die Menschenwürde liegt zerschlagen am Boden, bloß nicht auffallen!

„Du bist bildungsfern, unfähig, rauchst und trinkst nur. Du bist ein Sozialschmarotzer! Deshalb musst Du fremdbestimmt werden“ – diese gängigen Vorurteile udn Stammtischparolen hören sie oft! In unbezahlten Praktika, Ein-Euro–Jobs und anderen Maßnahmen wird dem Betroffenen klar: „Meine Arbeit ist nichts wert, ich bin nichts wert, also lohnt sich Arbeit für mich eigentlich nicht!“

Einer Studie (TK 2010) zufolge nimmt die Anzahl der Krankmeldungen von Arbeitslosen deutlich zu. Vor allem psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Der psychische Druck, der auf die Betroffenen ausgeübt wird, hinterlässt Spuren. Untätigkeit über einen langen Zeitraum führt zu einer inneren Leere, Betroffene haben oft das Gefühl versagt zu haben.

In meiner Sozialsprechstunde erlebe ich es oft, dass Betroffene psychisch traumatisiert sind. Während sie mir ihre individuelle Sachlage schildern, passiert es nicht selten, dass sie zu weinen beginnen, total verzweifelt sind und manchmal auch schon lebensmüde. Es gibt Betroffene die Angst haben, ihre Briefe vom Jobcenter zu öffnen. Sie lassen sie tagelang ungeöffnet liegen und versäumen dadurch Fristen. Andere Betroffene wiederum sind von der Lage so zermürbt, dass sie ihre alltäglichen Angelegenheiten nicht mehr selbst geregelt bekommen und Hilfe brauchen.

*Hartz – IV muss weg! Gar keine Frage.* Einen Schutzschirm für Menschen spannen!

.. epigraph::

Wir brauchen einen flächendeckenden existenzsichernden Mindestlohn von mindestens 10,-Euro.
Leiharbeit muss auf ein Mindestmaß begrenzt werden. Es muss Schluss sein mit Arbeit im Niedriglohnbereich. Unser Staat muss über sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im Non-Profit-Sektor genauso reden, wie über eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich sowie über eine Grundsicherung mit der man auskömmlich leben kann. Die Umverteilung von oben nach unten sollte endlich beginnen. Das sind nur einige Baustellen, die wir Bürger anfassen müssen, um den Sozialabbau zu stoppen. Die soziale Chancengerechtigkeit in unserem Land geht uns alle an.

Heidelinde Penndorf
27.08.2011

 
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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Mit Hartz IV – ausgegrenzt und abgestempelt

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