Schweigen gegen das Schweigen

Schweigen ist eines der am schwierigsten zu widerlegenden Argumente. (Josh Billings)

von Dieter Carstensen

182 Menschen wurden seit 1990 in diesem Staat von Neonazis ermordet. Ihre Namen sind öffentlich zugänglich, sage niemand, er habe es nicht gewusst. Wie lange lassen sich die Menschen in diesem Staat eigentlich noch den seit Jahren offenkundigen Naziterror gefallen, bevor sie ihren Politikern sagen, ihr habt versagt, es reicht, wir haben genug und bis sie endlich selber gegen den braunen Mob aktiv werden? Dabei gibt es gute Beispiele von kreativen Aktionen gegen den Terror, die aus kleinen Zusammenhängen entstanden sind, was auch einfache BürgerInnen aktiv und mit relativ wenig Aufwand andernorts, zu anderen Zeitpunkten bewerkstelligen könnten. Zwei Beispiele: Die Aktion „Silentmob”, für die Opfer von rechtsextremer Gewalt am Sa., 26.11.11, unter dem Motto “Schweigen gegen das Schweigen” in zahlreichen Städten und die Wanderausstellung “Opfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990″, welche 156 Menschen, die rechter Gewalt von 1990 bis 2010 zum Opfer fielen, porträtiert.

Das Misstrauen der Bürgerinnen und Bürger in diesen Staat, was seine Fähigkeit anbelangt, wirksam gegen den Naziterror anzugehen und insbesondere in die Fähigkeit des sog. “Verfassungsschutzes” ist nach einer aktuellen Umfrage der Zeitung “Stern” vom 23.11.11, unter dem Titel “Deutsche misstrauen ihrem Verfassungsschutz” veröffentlicht, enorm erschüttert!

Zitat: “Angesichts der Mordserie von rechtsextremen Terroristen in Deutschland wirft ein Großteil der Deutschen den staatlichen Organen vor, Umtriebe von Neonazis unzureichend zu bekämpfen. In einer Umfrage für den stern waren 74 Prozent der Bürger dieser Ansicht. Vernichtend ist auch das Urteil der Bürger über die Arbeit des Verfassungsschutzes: Nahezu zwei Drittel (64 Prozent) der Bürger sagten, sie hätten kaum oder gar kein Vertrauen in die Behörde. Besonders gering ist das Ansehen bei den Ostdeutschen – 77 Prozent haben hier kaum Vertrauen zu den Verfassungsschützern.”

Link zur Quelle: http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-umfrage-zu-rechtem-terror-deutsche-misstrauen-ihrem-verfassungsschutz-1754125.html#utm_source=standard&utm_medium=rssfeed&utm_campaign=politik

Der logische Umkehrschluss müsste also sein, wenn die staatlichen Organe im Kampf gegen den braunen Terror versagen, so wie es die absolute Mehrheit der Bevölkerung nach der zitierten Umfrage sieht, dass wir Bürgerinnen und Bürger nunmehr selber aktiv werden müssen, um uns und unsere Gesellschaft vor unseren inneren Feinden und ihrem menschenverachtenden Terror zu schützen.

Natürlich im Rahmen unserer Gesetze, aber mit deutlichen und kreativen Aktionen.

Gab es nicht mal einen Kanzler, der in diesem Zusammenhang vom “Aufstand der Anständigen” sprach? Bisher blieb dieser aus, jedenfalls erfolgte er nicht in der scheinbar notwendigen Größenordnung, sonst wäre manche Entwicklung vielleicht anders gelaufen.

“Es ist an der Zeit”, wie der Musiker Hannes Wader einmal in einem mahnenden Lied sang. Zitat daraus: “… ja auch Dich haben sie schon genauso belogen, so wie sie es mit uns heute immer noch tun … es ist an der Zeit.” Der Inhalt des Liedes ist auch heute noch topaktuell, finde ich.

Musikvideoclip:

Es ist wirklich an der Zeit, wenn der “Stern” unter dem Titel “Rechte Gewalt in Deutschland – Der Sicherheitsstaat ist entgleist”, am 23.11.11 feststellt:

“Neonazis terrorisieren die Menschen seit der Wiedervereinigung, nicht nur im Osten. Doch noch immer wird das Wesen rechtsextremer Gewalt verkannt. Es mussten erst zehn Menschen sterben, um den Tod von 170 anderen Mitbürgern zu verstehen, die in den vergangenen 20 Jahren zum Opfer rechter Mörderbanden wurden. Sie wurden nicht nur aus einem spontanen Impuls heraus getötet, wie gerne behauptet wurde: Überfälle auf Linke, Pogrome gegen Ausländer, Brandschatzungen, Attacken auf Homosexuelle und “Undeutsche” sind Schlachten in einem nicht erklärten Krieg gegen die Demokratie.”

Link zur Quelle: http://www.stern.de/politik/deutschland/rechte-gewalt-in-deutschland-der-sicherheitsstaat-ist-entgleist-1754294.html

Nunmehr haben sich deutsche Mitmenschen mit Migrationshintergrund über das Internet zusammen geschlossen und veranstalten unter dem Motto “Schweigen gegen das Schweigen” am Samstag, den 26.11.11 um 13 Uhr in mehreren deutschen Städten einen “Silentmob”, mit dem sie still und friedlich der Opfer des Terrors gedenken und zum Widerstand gegen die Nazitäter aufrufen wollen.

In einer Presserklärung vom 23.11.11 schreiben die Initiatoren zu ihrer Initiative u.a.:

” Auslöser für diese Aktion ist das Gedenken an die Opfer der Zwickauer Terrorzelle, das auch an alle weiteren Opfer rechter Gewalt erinnert. Die Geschehnisse haben insbesondere unter Online-AktivistInnen eine Welle der Empörung ausgelöst.

In einer entmenschlichenden Sprache wurde über die verstorbenen Deutschen mit Migrationsgeschichte (und mit Deutschen sind alle gemeint, die in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt haben und nicht nur deutsche Staatsbürger sind) berichtet und eine Perspektive auf diese Menschen gezeigt, die die Opfer und deren Angehörige über Jahre hinweg kriminalisierte. So wurde den Opfern dadurch auch die letzte Ehre genommen. Auch daher fühlt sich „Schweigen gegen das Schweigen” verpflichtet, den Angehörigen zur Seite zu stehen.”

Quelle und Kontakt: Homepage der Initiatoren: https://schweigengegendasschweigen.wordpress.com/

oder über die Facebook Seite der Aktion: http://www.facebook.com/SchweigenGegenDasSchweigen

Veranstaltungen finden bisher an folgenden Orten statt: Berlin (Brandenburger Tor), Bielefeld (Hauptbahnhof am Mahnmal), Essen (Kettwinger Straße) Frankfurt (Hauptwache), Görlitz (Altstadtbrücke Hotherstraße/Uferstraße), Hamburg (Europapassage, Richtung Ballindamm/Alster), Hannover (Kröpcke Uhr, Georgstraße), Kiel (Hörnbrücke), Köln (Bahnhofsvorplatz), München (Geschwister-Scholl-Platz), Nürnberg (Weißer Turm (an der U-Bahn- Haltestelle, vor dem Wöhrl))

Eine weitere sehr bemerkenswerte Aktion ist auch die Wanderausstellung “Opfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990″, von Rebecca Forner, in Zusammenarbeit mit der Opferperspektive e.V., Partner: Friedrich Ebert Stiftung, welche sich so beschreibt:

“Die Ausstellung porträtiert 156 Menschen, die rechter Gewalt von 1990 bis 2010 zum Opfer fielen. Viele wurden getötet, weil für sie im Weltbild der Rechtsextremen kein Platz ist; manche, weil sie den Mut hatten, Nazi-Parolen zu widersprechen. Einige Schicksale bewegten die Öffentlichkeit, viele wurden kaum zur Kenntnis genommen, vergessen sind die meisten. Die Ausstellung ruft diese Menschen in Erinnerung.”

Die Ausstellung ist vom 01.12. – 20.12.11 im CHP Nürnberg zu sehen. Die Homepage der Ausstellung findet sich unter dem Link:

http://www.opfer-rechter-gewalt.de/

Sicherlich gibt es noch zahlreiche weitere Aktionen und Initiativen, aber diese beiden halte ich persönlich für besonders erwähnenswert.

Besonders erwähnenswert auch deshalb, weil mich aus dem Kreis der “Schweigen gegen Schweigen” Initiatoren ein sehr persönlich gehaltener Beitrag einer deutschen Facebook – Freundin mit türkischstämmigen Wurzeln erreichte, den ich für so gelungen halte, dass ich ihn hiermit, mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin, öffentlich mache.

Zum Schutz der Autorin habe ich den Namen gekürzt und verändert, bei seriösen Anfragen über meine Homepage stelle ich aber gerne den Kontakt zur Verfasserin her.

“Schweigen” von M. B.

“Ich habe so gehofft und mir so gewünscht, dass sich dieses Gefühl nie wieder einstellt, die Bilder nie wieder auftauchen.

Angsterfüllte Gesichter, davor grölende Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken andere Menschen lebendig verbrennen wollen. Die Polizei, die tatenlos zuschaut. Fernsehstationen, die diese “Sensationsmeldungen” mit Nahaufnahmen in die Wohnzimmer tragen.

Brennende Häuser, in denen ganze Familien umkommen und wieder die Kameras, immer diese Kameras.

Die Journalisten, die für Aufklärung und Information sorgen sollen, haben die gleichen Gesichtsausdrücke, wie die Brandstifter und Mörder.
Sie benutzen dieselbe Sprache..

Lange Zeit war Ruhe, Friedhofsruhe.

Mindestens 182 Mal …

(Editorische Anmerkung und Ergänzung: Eine Liste aller 182 Todesopfer findet sich unter diesem Link:

http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=19903&tx_ttnews%5BbackPid%5D=3&cHash=0cefcdc9fe )

Menschen werden tagtäglich angegriffen und zu oft getötet, weil sie nicht den Vorstellungen der Mehrheit entsprechen.

Bist Du obdachlos? Selber schuld, wenn Du angegriffen und getötet wirst, schließlich hast Du Dich selbst in die Lage gebracht..

Hast Du eine Behinderung? Selber schuld, Du erwartest doch nicht, dass Du wertvoll bist, Du bist doch zu Nichts zu Gute..

Hast Du eine andere Hautfarbe, bist sogar schwarz? Selber schuld, jeder weiß doch, dass alle Schwarzen mit Drogen dealen oder das Asylrecht missbrauchen, da ist das doch kein Wunder..

Bist Du einer mit türkischem oder arabischen “Migrationshintergrund” oder siehst nur so aus? Selber schuld, schließlich wissen doch alle, dass Du die Islamisierung Europas vorantreibst schon deshalb, weil Du hier bist oder fast noch schlimmer, die Sozialsysteme betrügen willst..

Ach ja, und wenn es doch Mal anders ist, ist es ein Missverständnis, keiner will es so gemeint haben, auch wenn es nur so zu verstehen ist.
Kollateralschäden passieren eben!

Jetzt werden Krokodilstränen vergossen, schließlich ist dummerweise aufgefallen, dass nicht nur die, von denen man das immer wusste, sondern auch die, die das eigentlich verhindern sollten, das Grundgesetz mit Füßen getreten und untätige oder tätige Hilfestellung dazu geleistet haben.

Konzentriert Euch nicht auf den Verfassungsschutz , sie haben nur das umgesetzt, was politisch “Mainstream” ist.

Konzentriert Euch nicht auf die NPD, sie haben nur ehrlicher formuliert und umgesetzt, was gesellschaftlich schon längst gedacht wird.

Konzentriert Euch nicht auf die Polizei, die nur die Befehle ihrer Vorgesetzten erfüllt.

Schaut auf die Politiker, die den Sozialrassismus als legitimes Mittel ihrer Politik eingeführt haben.

Schaut auf die Wirtschaft , die Menschen gegeneinander ausspielen, damit jedes Gefühl der Solidarität im täglichen Kampf um soziale und wirtschaftliche Teilhabe im Keim erstickt wird.

Schaut auf die “Leitkulturideologen”, die nur ein künstliches Ihr und Wir schaffen wollen, um Parallelwelten zu schaffen.

Schaut auf die Soziologen, die den “Migrationshintergrund” erfunden haben, um Menschen auf Jahrzehnte als Fremde definieren und ausgrenzen zu können.

Auch wenn es uns von allen Seiten suggeriert wird, das wäre ein “Krieg” zwischen Nazis und “Ausländern”, ist das nur ein weiterer Versuch, den strukturellen und sozialen Rassismus zu verdecken. Der wird nicht nur in Deutschland unter dem verharmlosenden und verschleiernden Namen “Rechtspopulismus” abgeheftet, so kann man den Antisemitismus und Antiziganismus, die Fremden- und Islamfeindlichkeit in die “politically incorrect”-Ecke abwerfen und “endlich wieder DAS sagen dürfen”, weil sich ja sonst nicht nur Deutschland, sondern die “Meinungsfreiheit” abschafft..

Und keiner braucht genau hinzuschauen, wie diese Ideologie europaweit vernetzt vorangetrieben und auch schon längst von der sich gern als “bürgerliche Mitte” gerierenden Mitte mitgetragen wird..

In einigen Wochen wird sich alles wieder legen und ich befürchte, die Friedhofsruhe wird wieder einkehren, wenn wir uns dieses Mal nicht nur mit ein Paar warmen Worten des “Bedauerns “abspeisen lassen.

Wir sind es den Opfern schuldig nicht mehr zu schweigen!”

(Editorische Anmerkung des Verfassers: Dieser Artikel darf gerne von anderen Blogs und Internetzeitungen in seiner Gänze übernommen werden, aber bitte eine kurze E-mail Benachrichtigung, bei Veröffentlichung, über das Kontaktformular meiner Homepage an mich senden.)

http://www.dieter-carstensen-waldbroel-nrw.homepage.t-online.de/

Die Namen der 182 Menschen, denen Rechtsradikale das Leben nahmen!

mehrhttp://newsempoerenvernetzenveraendern.wordpress.com/2011/11/20/die-namen-der-182-menschen-denen-rechtsradikal-das-leben-nahmen-kinder-frauen-manner-punks-polizisten-obdachlose-rechtsanwalte/

2 Kommentare

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