Impressionen des Untergangs – Todeszuckungen des Kapitalismus

Steigende Armut in den USA wirft Schlaglicht auf ein „verlorenes Jahrzehnt“

von Sabrina Tavernise

Die US-Volkszählungsbehörde hat erschreckende Zahlen über die Zunahme der Armut im reichsten Land der Welt veröffentlicht.

WASHINGTON – Nach einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Census Bureau  (der US-Volkszählungsbehörde, s. http://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Cen-sus_Bureau ) rutschten in den USA im letzten Jahr weitere 2,6 Millionen Menschen in die Armut ab; die Anzahl der US-Amerikaner, die unter der offiziellen Armutsgrenze leben, stieg damit auf 46,2 Millionen Menschen an und ist die höchste in den 52 Jah ren, in denen Zahlen zu diesem Problem veröffentlicht wurden.

Ein Anzeichen für den (gleichzeitigen) Abstieg der Mittelklasse ist der Rückgang ihres Durchschnittseinkommens, das im letzten Jahr fast wieder auf das Niveau von 1996 abgesunken ist.

Wirtschaftswissenschaftler weisen vor allem auf die nebenstehende Grafik hin: Es sei das erste Mal seit der Weltwirtschaftskrise, dass das inflationsbereinigte Durchschnittseinkommen der Mittel – klasse im Laufe eines derart langen Zeitraumes nicht gestiegen  sei, sagte Lawrence Katz, ein Professor für Volkswirtschaft an der Harvard University.

„Das war wirklich ein verlorenes Jahrzehnt,“ erklärte Herr Katz. „Bisher waren die USA ein Staat, in dem es jeder Generation besser (als der vorherigen) ging, aber jetzt leben wir in einer Periode in der es den Mittelstandsfamilien schlechter als gegen Ende der 1990er Jahre geht.“

Die Ergebnisse der Erhebung der Volkszählungsbehörde waren schlimmer, als viele Wirtschaftswissenschaftler erwartet haben, und zeigen sehr deutlich, welche durch die Finanzkrise und den Konjunkturrückgang verursachten schmerzhaften Einbußen die mittleren und unteren Einkommensschichten im letzten Jahrzehnt hinnehmen mussten. Sie beweisen auch erneut, dass der enttäuschende Wirtschaftsauf schwung nichts für die ärmsten Bürger der USA gebracht hat.

Aus dem Bericht geht auch hervor, dass der Prozentsatz der US-Amerikaner, die im letzten Jahr unter der Armutsgrenze lebten, mit 15,1 Prozent das höchste Niveau seit 1993 erreicht hat. Die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie lag 2010 bei (einem Jahreseinkommen von) 22.314 Dollar. (Das sind zur Zeit ca. 16.300 Euro.)

Der Bericht fällt mit dem Versuch des Präsidenten Obama zusammen, eine Job-Initiative beschließen zu lassen, und Analysten meinen, dass die darin enthaltenen erschreckenden Zahlen genügend Argumente für die Dringlichkeit (dieser Initiative) liefern. Sie könnten von den Republikanern aber auch gegen Obama verwendet werden, um auf seine verfehlte Wirtschaftspolitik hinzuweisen.

„Der Bericht enthält viele zusätzliche schlechte Nachrichten über den Zustand unserer Wirtschaft,“ äußerte Ron Haskins, der Direktor des Zentrums für Kinder und Familien bei der Brookings Institution (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Brookings_Institution ). „Das ist ein weiteres Kreuz, das unsere Regierung tragen muss.“

Das letzte Jahrzehnt war auch durch einen wachsende Abstand zwischen der obersten und der untersten Stufe der Einkommensleiter gekennzeichnet. Das durch schnittliche Haushaltseinkommen für die unteren 10 Prozent des Einkommensspektrums ist, bezogen auf seinen Spitzenwert im Jahr 1999, um 12 Prozent gefallen, bei den darüber liegenden 90 Prozent der Haushalte aber nur um 1,5 Prozent. Insgesamt ist das inflationsbereinigte mittlere Haushaltseinkommen im Vergleich mit dem Vorjahr im Jahr 2010 um 2,3 Prozent auf 49.445 Dollar gesunken. Das ist, verglichen mit dem Spitzenwert von 53.252 Dollar im Jahr 1999, ein Absinken um 7 Prozent. Der Rückgang des Haushaltseinkommens ist teilweise auch darauf zurückzuführen, dass die Familien kleiner geworden sind.

Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass sich im laufenden Jahr kaum et was ändern wird. Die Gelder des Konjunkturprogramms sind aufgebraucht, und die Regierungen der Bundesstaaten und die Kommunalverwaltungen mussten viel Personal abbauen und die Sozialausgaben zusammenstreichen; beide Maßnahmen haben einkommensschwache Familien tiefer in die Armut getrieben.

Minderheiten wurden am härtesten getroffen. Unter der schwarzen Bevölkerung ist der Anteil der Armen von 25 Prozent im Jahr 2009 auf 27 Prozent angestiegen, bei der spanisch sprechenden Bevölkerung von 25 auf 26 Prozent. Bei den Weißen ist der Anteil der Armen von 9,4 Prozent im Jahr 2009 auf 9,9 Prozent angewachsen, bei den Asiaten blieb er mit 12,1 Prozent unverändert.

Nach einer Schätzung In einer Analyse der Brookings Institution wird sich das Heer der Armen bis zur Mitte der laufenden Dekade um fast 10 Millionen Menschen vergrößern.

Nach Aussagen von Wirtschaftswissenschaftlern war Arbeitslosigkeit der Hauptgrund dafür, dass so viele Menschen verarmten.

Während im Jahr 2009 etwa 45 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 weniger als eine Woche (bezahlte) Arbeit hatten, seien es 2010 bereits ungefähr 48 Millionen Menschen gewesen, sagte Trudi Renwick von der Volkszählungsbehörde.

„Wer schon länger arbeitslos gewesen ist, kann kaum noch einen neuen Job finden,“ erklärte Herr Katz.

Das Durchschnittseinkommen ist bei  Arbeitenden  aller  Altersstufen  abgesunken,  am stärksten aber bei den jungen US-Amerikanern zwischen 15 und 24, die einen Rückgang um 9 Prozent hinnehmen mussten.

Nach Angaben der Volkszählungsbehörde ist das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten, das 2010 inflationsbereinigt 47.715 Dollar betrug, seit 1973, als es bei 49.065 Dollar lag, praktisch unverändert geblieben; das bestätigte auch Sheldon Danziger, ein Professor für Politikwissenschft an der Universität des Staates Michigan.

Menschen ohne College-Abschluss seien besonders hart betroffen, sagte er. „Im Durch schnitt sind bei den männlichen Vollzeitbeschäftigten mit mittleren Einkommen keine Zuwächse zu verzeichnen.“ erläuterte Herr Danziger.

Die Rezession hat immer mehr der 25 bis 34 Jahre alten Arbeitslosen oder gering
Beschäftigten dazu gezwungen, mit  Freunden zusammen oder zurück zu ihren Eltern zu ziehen, um Geld zu sparen. Fast die Hälfte dieser Gruppe lebt unter der Armutsgrenze, wenn man das Einkommen ihrer Eltern nicht berücksichtigt. Die Armutsgrenze für Einzelpersonen bis 65 liegt bei 11.344 Dollar (ca. 8.220 Euro) Jahreseinkommen.

„Wir riskieren, dass sich eine neue Unterklasse bildet,“ befürchtete Timothy Smeeding, der Direktor des Instituts für die Erforschung der Armut an der Universität von Wisconsin in Madison.

„Junge, schlecht ausgebildete Erwachsene, vor allem Männer, können sich eigentlich keine Kinder leisten und eine Familie gründen, weil sie arbeitslos sind,“ ergänzte er.

Sogar von der Wachstumsphase der Wirtschaft vor der Rezession hatten die Bezieher ge ringer und mittlere Einkommen sehr wenig,

Arloc Sherman, ein führender Forscher am Center on Budget and Policy Priorities (am Zentrum für die Setzung von Prioritäten bei der Haushaltspolitik, Infos dazu unter http://en.wikipedia.org/wiki/Center_on_Budget_and_Policy_Priorities )   erläuterte,  dass die Periode von 2001 bis 2007 die erste wirtschaftliche Erholungsphase war, in der die Armut zunahm und die mittleren Einkommen am Ende niedriger waren als am Anfang.

„Sogar schon vor der Rezession ging das Einkommen vieler Menschen zurück,“ fügte er hinzu. „Auch das hat dazu beigetragen, dass sie sehnlichst auf einen wirtschaftlichen Aufschwung warten.“

Die Armutsrate unter den Bewohnern der Vorstädte sei mit 11,8 Prozent vermutlich die höchste seit 1967. fügte Herr Sherman hinzu. Im letzten Jahr gerieten mehr US-Amerikaner in tiefste Armut als im Jahr zuvor, das heißt, sie mussten mit etwa

11.000 Dollar auskommen, der Hälfte der rund 22.000 Dollar, die als Armutsgrenze gelte. Die Gruppe der sehr Armen wuchs auf 20,5 Millionen Menschen an, das sind etwa 6,7 Prozent der US-Bevölkerung.

Von Armut sind auch mehr Kinder betroffen. Mit etwa 16.4 Millionen armen Kindern habe die Kinderarmut im letzten Jahr das größte Ausmaß seit 1962 erreicht, stellte William Frey, ein führender Volksbefrager bei Brookings fest. Das bedeutet, dass 22 Prozent aller Kinder in Armut leben; das ist der höchste Prozentsatz seit 1993.

In den Zahlen der Volkszählungsbehörde ist die unbare Hilfe in Form von Lebensmittelgut scheinen und Steuerfreibeträgen nicht berücksichtigt; deshalb sind Armutszahlen bei einigen Kindergruppen nach Meinung verschiedener Wirtschaftswissenschaftler zu hoch gegriffen. Aber der Anstieg der Kosten für Unterkunft, ärztlichen Behandlung und Energie wurden ja auch nicht berücksichtigt.

In dem Bericht wird auch festgestellt, dass die Anzahl der nicht versicherten US Bürger um 900.000 auf 49,9 Millionen angestiegen ist.

Der Prozentsatz der über ihre Arbeitgeber Versicherten ging 2010 auf etwa 55 Prozent zu rück, während der Prozentsatz der über die Regierung Versicherten auf 31 Prozent leicht anstieg. Im Jahr 2000 waren noch 65 Prozent über Arbeitgeber versichert gewesen.

(Wir haben den Artikel aus der New York Times, die beileibe kein linkes Blatt ist, komplett übersetzt und mit Anmerkungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen.)

http://www.nytimes.com/2011/09/14/us/14census.html?pagewanted=all

http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP16311_260911.pdf

QUELLE http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=11902&Itemid=249

INFORMATIONEN ZUM THEMA

Obama Land ist abgebrannt

_

YouTube   rakontado

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter AKTUELLES, Internationales

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s