Tagesarchiv: 2012/10/17

HARTZ-IV EMPFÄNGER: HUNGRIGER ZWEITER KLASSE

UND WEIL DER MENSCH EIN MENSCH IST

VIEL SCHELTE

von realasmodis

Kürzlich auf Facebook:

Da gab es das Bild eines verhungernden Kindes in irgendeinem Entwicklungsland mit einem Geier im Hintergrund. Es handelte sich um ein Foto von Kevin Carter, ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 1994. Die Bildunterschrift lautete

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Ich habe das wie folgt kommentiert:

„Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Stimmt. Aber ein Arbeitsloser, dem man per Sanktion die Existenz entzieht um ihn verhungern zu lassen, auch!“ Für diese Meinungsäußerung – zu der ich im Übrigen nach wie vor stehe, denn ich weiß, was Hartz-IV bedeutet – habe ich sehr, sehr viel Schelte einstecken müssen.

Sinngemäß wurde da gesagt, dass meine Meinung menschenverachtend sei, dass jeder hier in Deutschland mehr als genug zu essen habe, dass man Armut hierzulande nicht mit Armut in den Entwicklungsländern vergleichen könne und dass der Vergleich doch sehr hinken würde. Er sei unpassend. Verhungern würde jemand, weil einfach nichts zum Essen da sei.

Arbeitslos zu sein bedeute hingegen, Arbeit finden zu müssen und eben nicht nur an sich zu denken usw. Blah-Blah-Blah.

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Bilde ich mir denn meine eigenen Hartz-IV-Erfahrungen nur ein? Ist es eine „falsche Erinnerung“, dass meine Kinder und ich zweimal monatelang von „gar nichts“ leben mussten? Und dass ich beim Jobcenter gefragt worden bin, wie ich diese Zeiträume überhaupt habe überleben können? Die Kommentare auf meine o. e. Äußerung erschienen mir zunehmend weltfremder. Aber sie ließen mich nicht los.

Deswegen machte ich mir mal den Spaß und schaute mir die FB-Profile der Kommentatoren an. Dort fand ich Studenten aus besseren Verhältnissen, Leute die ausgiebig über ihren letzten Auslandsurlaub berichteten, viele im Ausland ansässige Menschen mit genauester Kenntnis der deutschen Verhältnisse sowie Personen, die angaben, wo sie in welchen Positionen arbeiten. Kurzum: Ich fand Mittelschichtler bzw. künftige Mittelschichtler, die Hartz-IV und Arbeitslosigkeit nur vom Hörensagen oder aber aus dem unsäglichen Hetzblatt BLÖD kennen und die deswegen so genau informiert sind, dass sie auf jeden Fall mitreden können.

Deren Vorstellungsvermögen durch Armut hierzulande eindeutig überfordert ist.

OK, betrachten wir jetzt einmal diese Mittelschicht. Solche Mitbürger sind weit davon entfernt, reich zu sein. Doch sie haben ihr – mitunter ziemlich gutes – Auskommen.

Ich kenne Mittelschichtler, die spaßeshalber an dem vor einigen Jahren gelaufenen Versuch der Diakonie teilgenommen haben, bei dem es darum ging, mal zwei Monate lang mit dem Hartz-IV-Satz auskommen zu müssen.

War doch gar nicht so schlimm!

Da wird eben der nächste Großeinkauf etwas länger aufgeschoben und wenn irgendwas im Haushalt den Geist aufgibt, dann ersetzt man es später, nach Versuchsende. Und anstelle von frischen Lebensmitteln greift man eben öfters mal auf die Konserven im Keller oder in der Kühltruhe zurück – mit dem in Aussicht stehenden Urlaub kann man sich ja auch prima von den „erlittenen“ Strapazen erholen.

Keine Rede von der Residenzpflicht per EGV, keine Schikanen und Kontrollanrufe seitens einer sanktionsgeilen Behörde, kein Zwang zu sinnlosen Bewerbungen oder zum Wahrnehmen von hirnrissigen Behördenterminen, keine Hausdurchsuchungen, keine Totalbespitzelung, keine Zwangsarbeit für nichts und wieder nichts, kein erzwungener Umzug (das Wort Deportation will ich mal nicht verwenden, obwohl es naheliegend ist), kein Bitte-Bitte bei irgendeinem Fallmanager, der sich für Gott hält und wie ein KZ-Kommandant aufführt. Keine zum Überleben notwendigen Abhängigkeiten! Im Anschluss wird in geselliger Runde freimütig über die gemachten Erfahrungen geredet, so dass Hartz-IV zum Unterhaltungsevent mutiert.

So etwas ist m. E. nicht mal „Hartz-IV-Light“, sondern einfach nur kontraproduktiv, weil es ein absolut falsches Zerrbild liefert und lediglich ohnehin schon vorhandene Vorurteile verstärkt. Aber diese Vorurteile braucht die Mittelschicht zur Abgrenzung.

Sehen wir uns das mal im Detail an.

Der „gemeine Hartzie“ hat – so er denn, was selten genug vorkommt, den Höchstsatz erhält – monatlich 374 Euro. Der besagte Mittelständler mindestens gut das Zehnfache, macht eine Differenz von rund 3.500 Euro pro Monat. Macht – anders betrachtet – für den Hartz-IV-Abhängigen monatlich ein Jahreseinkommen an Differenz, aber darum geht es gar nicht. Der „Reiche“ hat, sagen wir mal als Hausnummer, monatlich mindestens 10.000 Euro. Seine Differenz gegenüber der Mittelschicht ist mindestens doppelt so hoch wie die Differenz zwischen Mittelschicht und H4-Empfänger.

Mit anderen Worten:

Der Mittelschichtler – dem so etwas wie H4 ja nie passieren könnte – ist sehr viel näher an Verarmung und Absturz dran als am Reichtum. Dennoch tritt er nach unten und buckelt nach oben, anstatt sich mit dem näher liegenden Bereich zu solidarisieren. Warum? Durch das Treten nach unten wertet er andere – sozial Schwache – ab und sich selbst damit auf. Er adelt sich selbst als „von was Besseres“ und verschließt vor den eigenen Ängsten – nämlich dem eigenen Absturz aus der Mittelschicht – die Augen.

Dabei erfährt er breit angelegte Unterstützung seitens der Medien:

Was nicht berichtet wird, ist auch nicht passiert und was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Die unausweichliche Folge ist eine Verrohung der Gesellschaft, in der „die da oben“ sich selbstherrlich das Recht heraus nehmen, gegen „die da unten“ vorzugehen: Oberschicht gegen „nutzlose“ Unterschicht.

Bspw. indem sie (ohne ihren eigenen dabei an den Tag gelegten Zynismus überhaupt zu bemerken) die Unterschicht zum Hundescheißesammler degradieren wollen.

Der Nutznießer steht natürlich weiter oben in der sozialen Rangordnung und kann sich das Haustier – den Hund – leisten. Indem er den sozial Schwachen zum Aufräumen der Hinterlassenschaften des Haustiers einsetzt, lässt er ihn vom Ansehen her noch unter dem Hund rangieren.

Man schottet sich ab. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Die Abschottung betrifft die Wohnverhältnisse – Arbeitslose werden behördlicherseits oftmals zum Umzug gezwungen, was schon Deportationszüge trägt – und vor allem aber betrifft es das soziale Miteinander.

Man versucht (sehr erfolgreich übrigens), sozial Schwache von der Teilnahme am kulturellen Leben auszuschließen. Das selbstverständliche Urteilen darüber, ob ein Arbeitsloser ein Handy (braucht er für Bewerbungen) oder ein Auto (braucht er für Vorstellungsgespräche) besitzen bzw. nicht besitzen darf, sind nur die Spitze eines Eisbergs.

Andere, wie ein so genannter „Sozialdemokrat“ wollen sozial Schwache kurzerhand verhungern lassen – „wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“ sagte Franz Müntefering.

Noch andere wie z. B. ein Herr Thilo Sarrazin (auch „Sozialdemokrat“) führen gar den Sozialdarwinismus als Begründung zur Unterdrückung sozial Schwacher an.

Ich kann mir nicht helfen, aber die Assoziation mit dem Herrenrassedenken einer gewissen Ideologie, die wir hier in Deutschland leider schon einmal hatten, drängt sich mir da ganz von selbst auf.

Wie war das doch gleich mit dem Theodor W. Adorno zugeschriebenen Zitat?

„Ich habe keine Angst vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

Die o. e. Menschen in Mittel- und Oberschicht nennen sich selbst Demokraten, verhalten sich aber nicht so. Wenn aber die Faschismustheorien aus den Sozialwissenschaften nicht gänzlich daneben liegen, dann sind Faschisten lediglich Marionetten der Kapitalisten.

Mit anderen Worten:

Eine hauchdünne Oberschicht von ganz Reichen steuert die Gesellschaft. Die können nur ganz reich bleiben, wenn andere massiv verarmen, wenn die Verarmten ein für Lohndumpingzwecke einzusetzendes Heer bilden.

Exakt das passiert hierzulande –

QED. Armut und Reichtum sind nun einmal die beiden Seiten einer Münze. Die Mittelschicht bildet lediglich den Rand. Wie lange bleibt eine Münze auf dem Rand stehen? Vor allem dann, wenn der Rand mehr und mehr erodiert und dadurch dünner wird?

Vielleicht sollten sich Mittelschichtler darüber mal ein paar Gedanken machen. Armut existiert – um an den Anfang dieses Beitrages anzuknüpfen – auch hierzulande.

Insofern kann man Deutschland durchaus mit einem Entwicklungsland vergleichen.

Zitat Robert S. McNamara (ehem. Weltbankpräsident):

„Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt.“

Als absolut arm gilt lt. Weltbank, wer am Tag weniger als 1,25 US-$ zur Verfügung hat.

In Deutschland ist das 1 % der Bevölkerung. Hinzu kommen hier 14,5 % der Bevölkerung, die als relativ arm angesehen werden, die also nur 40 % dessen verdienen, was man zum Leben verdienen müsste (Zahlen von WHO und OECD aus dem Jahr 2009).

Das ist jeder sechste Mitbürger!

Und hier existiert wirklich ein Unterschied zwischen den Entwicklungsländern und Deutschland: In den Entwicklungsländern versteckt sich keiner wegen seiner Armut. Im Gegenteil, mitunter organisiert man sich sogar. Die Gesellschaft sieht und kennt die Armut. Hierzulande allerdings werden Arme gesellschaftlich diskriminiert; jeder darf ganz alleine still und heimlich vor sich hin verrecken. Der Ausschluss vom kulturellen Leben fördert das ja auch ungemein. Bloß nicht das heile Weltbild von Mittel- und Oberschicht stören! Und weil das nicht gesehen wird, existiert es selbstverständlich auch nicht.

Ganz einfach. Funktioniert wie ein Kartenhaus. Das musste mal raus!

So, und jetzt stelle ich mich wieder für ein paar Stunden und für 65 % des Armutslohnes an’s Fließband und mache mir den Rücken weiter kaputt, atme dabei krebserzeugenden Staub ein. Um das Geld für etwas zu essen zu verdienen und dadurch weiter zu verarmen. Um die Rentenkasse später nicht über Gebühr zu belasten. Auf das die Reichen – die Politiker, welche sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn oberhalb der Armutsgrenze aussprechen, unterstützen – noch reicher werden.

Es lebe die Wirtschaft! Heil Neoliberalismus!

QUELLE http://realasmodis.blog.de/2012/05/15/schelte-13681651/

Nein, es fehlt nicht viel zur Hungerbrücke und dem Zustand wie auf dem Bild. Es ist nur eine Haaresbreite, die uns davon trennt. Sie arbeiten daran, uns auf diesem Niveau vollends fertig machen zu können. Wenn Du tot bist, sind sie zufrieden, weil sie nichts mehr für Dich tun müssen. Sie regieren am liebsten nur sich selber und ihresgleichen. Aber, wählen sollen wir sie, da kennen sie nichts. Wählen gehen sollten wir auch, sonst kommen sie noch auf die Idee und schaffen das Wahlrecht wieder ab.

QUELLE Inge Jurk-Prommersberger
GENAU HIER https://www.facebook.com/rita.mantovan?ref=tn_tnmn#!/photo.php?fbid

UND WEIL DER MENSCH EIN MENSCH IST

DRUM BRAUCHT ER WAS ZUM FRESSEN BITTE SEHR –

UND ZWAR ALLE HUNGRIGEN!

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Das Einheitsfrontlied („Und weil der Mensch ein Mensch ist ) ist eins der bekanntesten Lieder der deutschen Arbeiterbewegung.

Es wurde von Bertolt Brecht (Text) und Hanns Eisler (Melodie) geschrieben. Bekannt wurde es durch die Interpretation Ernst Buschs.

weitere Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Einheitsfrontlied

Ton Steine Scherben spielten das Lied in leicht veränderter Form im Anhang an das Stück „MAcht kaputt was Euch kaputt macht“

Text:

Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Fressen bitte sehr
Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Fressen her

Drum links, zwo, drei
Drum links, zwo, drei – wo dein Platz, Genosse ist
Reih‘ dich ein in die Arbeitereinheitsfront, wenn du auch ein Arbeiter bist

Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern
Er will unter sich keine Sklaven sehen und über sich keine Herrn

Drum links, zwo, drei
Drum links, zwo, drei – wo dein Platz, Genosse ist
Reih‘ dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist

Und weil der Prolet ein Prolet ist, drum kann er sich nur selbst befreien
Es kann die Befreiung der Arbeiterklasse nur die Sache der Arbeiter sein

Drum links, zwo, drei,
Drum links, zwo, drei – wo dein Platz, Genosse ist
Reih‘ dich ein in die Arbeitereinheitsfront, wenn du auch ein Arbeiter bist

Drum links, zwo, drei,
Drum links, zwo, drei – wo dein Platz, Genosse ist
Reih‘ dich ein in die Arbeitereinheitsfront, wenn du auch ein Arbeiter bist

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