Die Verachtung der Scheinheiligen

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Prekariat auf Abwegen

von Hans-Dieter Rieveler

Warum wenden sich so viele Arbeitslose und Geringverdiener ausgerechnet der neoliberalen AfD zu? Diese Frage beschäftigt kurioserweise vor allem die Vertreter von Parteien, die selbst neoliberale Politik betreiben. Ihre unausgesprochene Antwort lautet: Weil die „sozial Schwachen“ zu dämlich sind, die Komplexität alternativloser Politik zu begreifen. Gegenfrage: Warum sollten die Prekarier Parteien wählen, von denen sie bereits wissen, dass diese sie abgeschrieben haben?
Dieser Eindruck mag falsch sein, verwunderlich ist er nicht. Um diese Wahrnehmung nachvollziehen zu können, muss man sich nur Quantität und Qualität öffentlicher Aussagen von Politikern und Journalisten aus dem linken Meinungsspektrum zu Flüchtlingen einerseits und dem einheimischen Prekariat andererseits anschauen. Großen Teilen der – im weitesten Sinne – Linken ist ihre traditionelle Zielgruppe verloren gegangen: aufstiegs- und bildungsorientierte Arbeiter. In ihrer Wahrnehmung besteht die „neue Unterschicht“ überwiegend aus ungebildeten und faulen Arbeitslosen sowie prekär Beschäftigten, deren Arbeitsleistungen am Markt leider nicht viel wert sind. Da kommen die Flüchtlinge als neue Klientel gerade recht.
Vielleicht ist die vielzitierte Aussage der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt zur Flüchtlingswelle: „Wir kriegen jetzt plötzlich Menschen geschenkt“ auch in diesem Sinne zu verstehen. Die Attribute, die „den Flüchtlingen“ anfangs zugeschrieben wurden, waren durchwegs positiv. Das Attribut mit dem kürzesten Verfallsdatum war „hochgebildet“. Weitgehend unbeschadet gehalten haben sich bis heute: „jung“, „ehrgeizig“, „hochmotiviert“ und „übernormal gesund“ (O-Ton: Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery).
Der Kontrast zu den als ungebildet, unmotiviert, kränklich und zu alt imaginierten Langzeitarbeitslosen könnte kaum größer sein: „sozial Schwache“, deren relative Armut auf ihre eigenen Unzulänglichkeiten zurückzuführen ist, hier; echte Arme, die nur durch äußere Umstände an einer Bilderbuchkarriere gehindert wurden, dort. Endlich haben Göring-Eckhardt, die Sanktionen gegen Arbeitslose einst als „Bewegungsangebot“ bezeichnete, und ihre Gesinnungsgenossen wieder Klienten, die ihren Einsatz verdienen. Zudem wissen sie die Arbeitgeber bei ihrem Einsatz auf ihrer Seite, können diese doch hochmotivierte Mitarbeiter, die auch gerne für Hungerlöhne arbeiten, immer gut gebrauchen.

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Quelle: Telepolis

nachdenkseiten – Anmerkung JK: Eine hervorragende Analyse, die zu Recht darauf hinweist, dass die Flüchtlingspolitik Merkels ein klares innenpolitisches Kalkül beinhaltet, das sehr wohl Flüchtlinge, Erwerbslose und Hartz-IV Bezieher gegen einander ausspielen soll, ganz nach dem Motto „im Vergleich zu den Flüchtlingen geht es euch doch gut“. Und der Beitrag thematisiert zu Recht den verlogenen Humanismus der oberen Mittelschicht, deren Angehörige gerne im Bewusstsein, dass sie mit den Migranten nicht um Arbeitsplätze und Wohnraum konkurrieren müssen, die Willkommenskultur zelebrieren. Dieser Humanismus und Philanthropismus gilt allerdings für das Prekariat im eignen Land nicht. Ein beispielhafter Ausdruck dieser abgrundtiefen Heuchelei ist in der Tat, der im Beitrag zitierte Kommentar, der stellvertretenden Chefredakteurin der „Zeit“, Sabine Rückert. Die Projektion dort ist klar: „Journalist Malik aus Taschkent und seine Frau Nigora, eine Ärztin ….“ Darin sieht man seines Gleichen aus der oberen Mittelschicht, welchen man jede mögliche Empathie und Unterstützung zukommen lässt: „Sprachkurse für alle, Kindergärten, Förderklassen, eine schöne, große Wohnung in einem guten Viertel.“ Was stört es da, dass in Hamburg eine katastrophale Wohnungsnot herrscht und man sich bei der Suche nach einer Bleibe mit 50, 60 oder mehr Bewerbern um eine günstige Wohnung schlagen darf. Natürlich sind das Probleme, die einer stellvertretende Chefredakteurin der „Zeit“, mit einem vermutlich sechsstelligen Jahresgehalt, völlig fremd sind.
In einer anderen „Qualitätszeitung“, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, nach eigener Umschreibung, „die Sonntagszeitung für die Elite“, findet sich in der neusten Ausgabe ein Interview mit Tilo Sarrazin, in welchen dieser unwidersprochen wieder seine rassistische Hetze verbreiten darf. Aber Herr Sarrazin gehört ja nicht zum Pöbel, da darf man dann schon einmal, mit pseudo-wissenschaftlichen Vokabular verbrämten Rassismus verbreiten, vor allem dann, wenn man den Rassismus gleichzeitig mit Sozialdarwinismus würzt und von genetischer Prädisposition und Elitebildung schwafelt. Was man in der oberen Mittelschicht nur zu gerne hört, liefert dies doch Legitimation für die eigene privilegierte gesellschaftliche Position. Wer es nicht geschafft hat, hatte halt einfach schlechte Gene.

aufgelesen http://www.nachdenkseiten.de/?p=33122

 

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